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Kolumne über Fußball


Oh Deutschland, Deine Schiedsrichter

4.Februar.2009 Kommentare: 0

Der Prophet gilt im eigenen Land bekannterweise nicht viel. Ähnlich verhält es sich scheinbar mit deutschen Schiedsrichtern. Denn während den meisten Fußballfans regelmäßig die Zornesröte ins Gesicht steigt, wenn von den Schiedsrichtern die Rede ist und die Fanblöcke in den Stadien bei einer erneuten krassen Fehlentscheidung gerne “Schiri, wir wissen wo Dein Auto steht!” singen – im Ausland scheinen die deutschen Unparteiischen jedenfalls sehr gefragt zu sein, schreibt gestern der kicker: DFB-Referees sind spitze.

TrillerpfeifeDeutsche Schiedsrichter-Prominenz
Auf die Frage nach dem bekanntesten deutschen Schiedsrichter hört man häufig entweder die Antwort Dr. Markus Merk oder Robert Hoyzer. Der eine pfiff souverän das Finale der Europameisterschaft 2004 in Portugal und hat seine Karriere mittlerweile beendet, der andere pfiff zwischen 2002 und 2005 mehrere Spiele der 2.Bundesliga, der (damaligen) Regionalliga und des DFB-Pokals und hat seine Karriere mittlerweile auf Grund seiner Bestechlichkeit zwangsbeendet. Während der eine als herausragende Persönlichkeit des deutschen Fußball-Schiedsrichtertums gilt und nicht selten Vorlesungen an Universitäten hält, saß der andere über zwei Jahre im Gefängnis. Hoyzer und Merk stehen für die Licht- und Schattenseiten des deutschen Fußball-Schiedsrichtertums. Und selbstverständlich sieht jeder Fan bei einem nicht gegebenen Strafstoß für das eigene Team in dem Schiedsrichter auf dem Platz die Inkarnation Hoyzers: “Der steht doch auf der Gehaltsliste des Gegners!”, “Der hat seine Trillerpfeife in der Kabine vergessen” oder “Der verdient den Titel ‘Unparteiischer nicht” sind dabei die häufigsten Rufe, mit denen sich empörte Fans nach echten und vermeintlichen Fehlentscheidungen Luft machen.

Schiedsrichter im Fußball sind so beliebt wie Fahrkartenkontrolleure in der U-Bahn
Schiedsrichter leben nach Meinung der Fans in der paradoxen Situation, dass es nicht ohne sie geht, aber ebensowenig mit ihnen. Klar, irgendwer muss die Partie ja leiten, irgendwer muss für Ordnung auf dem Platz sorgen, irgendwer muss die Fußball-Regeln verkörpern. Zu dumm nur, dass in der gegebenen Situation immer der falsche dort unten steht und folglich auch immer die falschen Entscheidungen trifft.
Dabei sind die Fußballregeln alles andere als einfach. Entgegen allen Unkenrufen amerikanischer Baseball- und Football-Fans, dass europäische Fußball-Fans eben nur in der Lage seien, sich die zwei oder drei Fußballregeln, die es gibt zu merken, umfasst das aktuelle Fußball-Regelwerk der FIFA (Stand: 1. Juli 2008) ganze 138 Seiten!  Und nicht nur die muss ein erfahrener Schiedsrichter im Kopf haben, sondern auch die ganzen Situationen überblicken, die sich oft in Sekundenbruchteilen auf dem Spielfeld ergeben. Die Regel-Formulierung “… liegt im Ermessensspielraum des Schiedsrichters” ist dabei nicht selten der Stein des Anstoßes: ob ein Einwurf regelgerecht ausgeführt worden ist, oder der Ball bei einem schnell ausgeführten Freistoß zu 100% geruht hat – liegt im Ermessensspielraum des Schiedsrichters. Mit einer solchen Entscheidungsverantwortung KANN man sich natürlich nur unbeliebt machen!

Krasse Fehlentscheidungen
Schiedsrichter SchildSchiedsrichter stehen auf der Artenschutzliste der internationalen Fußballverbände ganz oben. Denn regelmäßig nimmt z.B. der DFB seine Schiedsrichter in Schutz, selbst wenn diese nachweislich Spiele “zerpfiffen” haben, also eine Unzahl an krassen Fehlentscheidungen getroffen haben. Eine der prominentesten Fehlentscheidungen der Fußballgeschichte traf ohne Zweifel der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst im Jahre 1966: das berühmte Wembley-Tor, das im WM-Endspiel von 1966 England zum Sieger und Deutschland zum Verlierer machte: unzählige Zeitlupen und Wiederholungen haben es mittlerweile mehr als deutlich belegt: das Tor von Geoff Hurst hätte nicht zählen dürfen. Das hat im Nachhinein auch die FIFA offiziell so entschieden. An der verlorenen Weltmeisterschaft ändert das freilich nichts: England wurde 66 Weltmeister, Deutschland nicht… Die Emotionen der Fans bei einer derart krassen Fehlentscheidung kochen verständlicherweise hoch.

Alternativen zum Schiedsrichter…
… gibt es streng genommen keine. Ohne wird nie ein Spiel auskommen. Jedoch gibt es Bestrebungen, die Entscheidungshoheit des Schiedsrichters zukünftig mehr und mehr einzuschränken. Etwa durch Videobeweise. Kamera, vor allem Hochgeschwindigkeitskameras, können mit absoluter Präzision, noch dazu aus unzähligen Kameraperspektiven eine Situation genau analysieren. Ball im Tor oder nicht: mit einer Kamera-Auswertung in der Regel kein Problem. Auch ein Mikrochip im Ball könnte gerade bei Torlinien-Entscheidungen künftig für einheitliche Regelung sorgen: mittels dieses Chips könnte die Position des Balles im Verhältnis zur Torlinie bis auf Millimeter genau bestimmt werden. Der Sporthersteller Adidas präsentierte vor einigen Jahren ein funktionierendes Modell, das auch den harten Bedingungen eines Fußballs entsprach und sehr gute Ergebnisse lieferte. Doch die Regelhüter der FIFA lehnten den Chip-Ball vor einem Jahr erneut ab. Die FIFA ist erstaunlich konservativ, wenn es um die Einbeziehung modernster Technologie in die Fußballregeln geht. Bei der Vermarktung des Fußballs mittels neuer Medien hingegen nicht…

Fazit:
Hoyzer gegen HSVDer Schiedsrichter ist im Grunde ein bemittleidenswertes Wesen. Von allen gehasst, von keinem geliebt muss er Entscheidungen treffen, die immer den Fans und Spielern der einen oder der anderen Mannschaft als Fehlentscheidungen vorkommen werden. Er muss sich ferner damit abfinden, dass seine Karriere auch krasse Fehlentscheidungen hervorbringen wird: schließlich ist Irren menschlich. Und doch will man ihn in seiner Verantwortung nicht entlasten, etwa durch Videobeweise oder Mikrochips im Ball (was natürlich auch eine reichlich unromantische Art des Regelentscheids wäre…).
Dass die deutschen Schiedsrichter, wie der kicker schreibt, jedoch Weltklasse sind, ist eher anzuzweifeln. Die Bundesliga sieht wie jede andere Liga auch Entscheidungen, die überall auf einer Skala von Souverän bis Dilettantisch anzusiedeln sind. Und der deutsche Schiedsrichter changiert immer zwischen Markus Merk und Robert Hoyzer, zwischen Welt-Schiedsrichter des Jahres und unfairer Käuflichkeit.
Als Fazit bleibt daher nur zu sagen: der Schiedsrichter ist die verhassteste und unbeliebteste Person auf dem Spielfeld, macht daher einen harten Job, um den man ihn nicht beneiden muss. Man muss ihm auch nicht in allem zustimmen, man muss ihn auch nicht in jeder Situation das Anzünden seines Autos androhen. Man muss ihn akzeptieren, wie er ist. Denn der Schiedsrichter ist wie kaum etwas anderes ein integrativer Bestandteil der Fußball-Dramaturgie. Er ist der Spielleiter, in dessen Hand es gelegentlich noch mehr liegt als in den Händen der Spieler, ein schönes oder ein schlechtes Spiel zu produzieren – und sich so unsere Liebe oder unseren Hass zu verdienen. Ihn durch einen Mikrochip zu ersetzen wäre wie eine aufblasbare Gummipuppe im Bett: unerotisch, unsexy und lieblos. Wenn das Fußballspiel leben will, braucht es Schiedsrichter, dann braucht es Merk und Hoyzer.

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